Mehr als Methadon:

SAM 2 bietet auch psychosoziale Betreuung

Substitutionsfachambulanz der Drogenhilfe Nordhessen besteht seit zehn Jahren

Pressemitteilung vom 19. 12. 2007

Medizinische und vor allem psychosoziale Betreuung für Drogenabhängige bietet die Substitutionsfachambulanz SAM 2, die im Dezember 1997 eröffnet wurde. 225 heroinabhängige Frauen und Männer wurden dort in den vergangenen zehn Jahren mit Methadon behandelt. Viele haben dank des in Fachkreisen geschätzten „Kasseler Modells“, den Absprung in ein drogenfreies Leben geschafft.

Er wog nur noch 49 Kilo, verkroch sich zum Schlafen irgendwo „auf der Straße“ – und litt regelmäßig unter fürchterlichen Schmerzen am ganzen Körper, wenn er mal wieder kein Geld für Heroin zusammenbekommen hatte. „Ich war ganz unten, als ich im April 2003 hier einen Platz bekam“, sagt Dennis. „Wer weiß, wo ich sonst wäre – SAM war das beste, was mir je passiert ist“, fügt der 28-jährige hinzu. Zwölf Jahre alt war er, als er sich zum ersten Mal Heroin spritzte, „meine Oma, bei der ich gelebt hatte, starb, ich hab´ Schule geschwänzt und bin an die falschen Leute geraten“, erklärt Dennis knapp. Heroin, LSD, Ecstasy, Alkohol, Haschisch: „ich hab´ alles durch“, gibt er zu. Heute ist er clean, hat vor wenigen Tagen in der Substitutionsfachambulanz SAM 2 zum letzten Mal den Ersatzstoff Methadon bekommen – und schmiedet Zukunftspläne.

Schritt für Schritt wurde seine tägliche Ration des flüssigen Medikaments heruntergefahren. „Methadon hat nicht die berauschende Wirkung wie Heroin, es ist aber auch kein Heilmittel gegen die Sucht und ihre Folgen“, erklärt Angela Waldschmidt, stellvertretende Geschäftsführerin der Drogenhilfe Nordhessen. Methadon nehme den Heroinabhängigen den Druck, ständig für Nachschub sorgen zu müssen, um die Entzugserscheinungen zu lindern: „Und das schafft die Basis für Veränderungen der Lebenssituation“. Seit 1991 ist eine Substitutionsbehandlung in Hessen möglich. Vier Jahre später rief die Drogenhilfe in Zusammenarbeit mit dem Gesundheits- und dem Sozialamt der Stadt Kassel sowie der Kassenärztlichen Vereinigung Hessen die Substitutionsfachambulanz „SAM“ mit 20 Plätzen und 1997 die zweite, „SAM 2“, mit 30 Plätzen ins Leben.

Das Angebot richtet sich an Menschen, die viele Jahre heroinabhängig sind und zum Teil bereits mehrere stationäre Therapieversuche hinter sich haben. „Es sind Klienten, die sich ein suchtmittelfreies Leben noch nicht oder nicht mehr vorstellen können – die aber dennoch bereit sind, ihre Situation zu verändern“, erklärt die Leiterin beider Einrichtungen, Andrea Kroes. Denn in der SAM 2 geht es um viel mehr als um Substitution: „Wesentliches Element ist eine umfassende psychosoziale Betreuung“, so Andrea Kroes. Ein Team aus ÄrztInnen und SozialarbeiterInnen leistet Krisenintervention, hilft dabei, Alltagsstruktu-ren zu entwickeln, die unmittelbare Existenz zu sichern – und unterstützt Schritte zur Überwindung der Abhängigkeit.

„Es gibt auch Ärzte, bei denen man Methadon bekommen kann“, erklärt Dennis, „da hätte ich auch hingehen können – aber dann hätte ich den Ausstieg sicher nicht geschafft“. Die Gespräche mit den Sozialarbeitern, die moralische Unterstützung, die Hilfe beim Umgang mit Ämtern und Behörden, bei der Jobsuche und dabei, die vielen Schulden in den Griff zu bekommen: „Das hat´s gebracht“, meint Dennis.

„Das Angebot der Substitutionsfachambulanz wird von den Betroffenen stark nachgefragt und erfährt in Fachkreisen eine hohe Anerkennung“, sagt Angela Waldschmidt. Zwar sei die Zahl der Substituierten in Hessen in den vergangenen sieben Jahren von rund 3000 auf 6000 angestiegen, doch den wenigsten Menschen stehe eine angemessene psychosoziale Betreuung zur Verfügung. Dies gelte auch in Kassel, wo von rund 3000 Heroinabhängigen etwa 400 substituiert werden. Die wenigsten von ihnen schafften aus eigener Kraft und ohne intensive Betreuung, ihre gesundheitliche und psychosoziale Situation zu verbessern: „Für die meisten wird Methadon mit der Zeit lediglich zu einer zusätzlichen Droge, die ihr Leben bestimmt“, so Waldschmidt. Hinzu komme, dass die Vergabepraxis den fachlichen Standards häufig nicht gerecht werde: „Manche Ärzte sind mit ihren drogenabhängigen Patienten und deren Besonderheiten überfordert“. Vor diesem Hintergrund bedürfe es endlich gesetzlicher Änderungen, um eine fachlich fundierte medikamentengestützte Substitutionsbehandlung sicherzustellen.

Hinweis für Journalisten:
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Weitere Informationen:

Substitutionsfachambulanz SAM 2
Andrea Kroes
Schillerstraße 2
34117 Kassel

Telefon: (0561) 10 38 78
E-Mail: sam2@drogenhilfe.com

Geschäftsstelle Drogenhilfe Nordhessen e.V.
Angela Waldschmidt (stellvertretende Geschäftsführerin)
Schillerstraße 2
34117 Kassel

Telefon: (0561) 7 39 50 39
Telefax: (0561) 7 39 50 30
E-Mail: info@drogenhilfe.com

Drogenhilfe Nordhessen e.V.
Der gemeinnützige Verein hat seit seiner Gründung im Jahr 1982 ein differenziertes Netz maßgeschneiderter Hilfen entwickelt. Beratung und Unterstützung, Betreuung, Therapie und Nachsorge, aber auch Prävention gibt es für Kinder, Jugendliche und Erwachsene – in 30 Projekten und an 20 Standorten.