Neues Angebot der Drogenhilfe: Schuldner- und Insolvenzberatung für suchtkranke Menschen

Kassel, 27.9.2011. Mit einem neuen Angebot unterstützt die Drogenhilfe Nordhessen e. V. (DN) Menschen, die suchtmittelabhängig und zugleich verschuldet sind: Im Café Nautilus in der Erzbergerstraße finden sie eine gesetzlich anerkannte Schuldner- und Insolvenzberatung. Zwei Mitarbeiter der Drogenhilfe helfen bei finanziellen Sorgen oder aussichtslos erscheinender Überschuldung.

„Wir unterstützen Sie, wenn Sie Strom und Miete nicht mehr zahlen können, wenn Ihre Bank Ihnen nichts mehr auszahlt oder Ihnen das Girokonto kündigt, wenn Ihr Lohn gepfändet wird, der Gerichtsvollzieher Sie aufsucht oder wenn Forderungen aus vorangegangenen Straftaten gegen Sie erhoben werden“, heißt es im Infoflyer der Schuldner- und Insolvenzberatung. So ziemlich alles, was dort genannt ist, traf auf Peter S. zu: Der 35 jährige hat seine Heroinabhängigkeit zwar im Griff, er wird in der Substitutionsfachambulanz „SAM“ der DN substituiert. Aber Peter S. lebte in einer Obdachlosenunterkunft, war arbeitslos und war, so glaubte er jedenfalls, „riesig“ verschuldet. Eine Arbeit suchen? „Also, das macht keinen Sinn“, meinte er. „Sobald ich Geld verdiene, bekomme ich eine Lohnpfändung und der Chef entlässt mich noch in der Probezeit“. Seine Post sammelte Peter S. ungeöffnet in mehreren Tüten – und beschloss dann doch, die Drogenhilfe zu fragen, ob es einen Ausweg gibt.

… den Briefkasten ohne Angst öffnen
Imo Mackenroth, Diplom-Sozialpädagoge und Mitarbeiter der Schuldner- und Insolvenzberatung sortierte erst einmal gemeinsam mit Peter S. den Inhalt der Plastiktüten, die Gläubigerpost leitete er an direkt an die Drogenhilfe um. Der Papierberg schrumpfte, die Schuldenlast wurde von „riesig“ auf „ganz ordentlich“ reduziert und Peter S. konnte den Briefkasten wieder ohne Angst öffnen. Gemeinsam mit Imo Mackenroth erstellte er einen Haushaltsplan – und hielt die Auflage, keine weiteren Schulden zu machen und auch keine Ratenzahlungsverpflichtungen einzugehen, sieben Monate durch. Dann begann er mit der Privatinsolvenz. „Peter S. kann die Anforderung des Insolvenzverfahrens eigenständig erfüllen und hat sich körperlich und psychisch stabilisiert“, sagt Imo Mackenroth. Zurzeit sei der Klient auf Arbeitssuche, „und wenn er einen Job gefunden hat, muss er nicht befürchten, dass es zu einer Lohnpfändung kommt und diese zur Kündigung führt“, so der Sozialarbeiter.

… ein wichtiger Schritt in Richtung Normalität
Schuldner- und Insolvenzberatung sei für suchtmittelabhängige Menschen ein wichtiger Schritt in Richtung Normalität, sagt auch Christian Becker, ebenfalls Sozialpädagoge und Mitarbeiter der Beratungsstelle. Wie Imo Mackenroth verfügt auch er über langjährige Erfahrung in der Drogenarbeit. Die Beratungsstelle, die sich an Einzelpersonen und Familien aus der Stadt Kassel richtet, die ihren Lebensunterhalt über Sozialleistungen wie Arbeitslosengeld II (SGB II), Sozialhilfe oder Grundsicherung (SGB XII) absichern, besitzt seit 1. April 2011 die Anerkennung als geeignete Stelle gemäß § 305 Abs. 1 Nr. 1 Insolvenzordnung.

Schuldnerberatung als Sozialarbeit
„Wir verstehen Schuldnerberatung als Sozialarbeit“, erklärt Becker. Ziel der Schuldnerberatung mit Drogenabhängigen sei nicht vorrangig die Regulierung der Schulden: „Schulden zu haben stellt auch eine große psychische Belastung dar“, so Becker, „mit jedem Gläubigerschreiben wird man mit alten Fehlern konfrontiert und auf die Zahlungsunfähigkeit hingewiesen“. Um dieser psychischen Belastung zu entgehen, griffen viele auf das Vogel-Strauß-Prinzip zurück, steckten den Kopf in den Sand – und die Gläubigerpost in den Müll. Oft werde die komplette Post ungeöffnet entsorgt. „Das kann schlimme Folgen haben, so zum Beispiel, wenn Klienten mehrmalige Mahnungen des Vermieters nicht beachten und die Kündigung erst dann realisieren, wenn der Räumungswagen vor der Tür steht“, so Becker.

Die Schuldnerberatung setze auf mehreren Ebenen an. Zuerst gelte es, den Schuldner in seinem Weg zu bestärken und ihm den Mut zu geben, sich mit seiner Situation auseinander zu setzen. Darüber hinaus reichten für den Anfang schon kleine Hilfestellungen. „Für viele bedeutet es schon eine Entlastung, wenn die Gläubigerschreiben nicht im eigenen Briefkasten landen, sondern in dem der Schuldnerberatungsstelle. Oft ist es auch hilfreich, wenn der Schuldner seine Post nur sammelt und diese dann mit dem Schuldnerberater gemeinsam öffnet. Auch das Sortieren und insbesondere das Aussortieren der Gläubigerschreiben führt zu einer großen Entlastung“. Wenn man die Forderungen sortiere und auf die Hauptforderung und das letzte Gläubigerschreiben reduziere, führe dies auf der psychischen Ebene schon zu einer Stabilisierung, so Becker.

Kontakt Schuldner- und Insolvenzberatung im Café Nautilus
Christian Becker (Diplom Sozialarbeiter/-pädagoge)
Imo Mackenroth (Diplom Sozialarbeiter/-pädagoge)
Erzbergerstaße 45
34117 Kassel
Tel.: 0561/ 788 06 908
Fax: 0561/ 766 02 39
E-Mail: schuldnerberatung@drogenhilfe.com
Sprechzeiten:
Montag: 09:00 – 11:00 Uhr
Mittwoch: 13:00 – 15:00 Uhr
Weitere Termine nach telefonischer Vereinbarung