"HaLt" für jugendliche Komatrinker - schon in der Klinik

• Drogenhilfe beteiligt sich am Projekt „Hart am Limit“
• positive Zwischenbilanz nach einem Jahr Bereitschaftsdienst

Kassel, 29.7.2011. Wenn Jugendliche mit einer Alkoholvergiftung ins Kinderkrankenhaus Park Schönfeld eingeliefert wurden, bekommen sie Besuch, wenn sie wieder ansprechbar sind: Sechs Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Beratungs- und Behandlungsverbunds (BV) der Drogenhilfe Nordhessen e. V. sind seit gut einem Jahr an Wochenenden und Feiertagen im Einsatz, um mit den jungen Leuten ins Gespräch zu kommen – darüber, wie gefährlich es ist, so „hart am Limit“ zu trinken. Mehr als 60 Gespräche hat das DN-Team in den vergangenen zwölf Monaten geführt, die Jüngsten waren gerade mal 13 Jahre alt.

„Wir wollten am letzten Schultag mal so richtig einen draufmachen, aber ich habe doch nicht gedacht, dass dann so was passiert …“ – „Echt?! Ich hatte 2,1 Promille?! Krass, das wusste ich nicht…“ – „Mann, ich hab´ gar nicht gemerkt, dass ich so viel trinke.“ Zerknirscht bis erstaunt reagieren viele Jugendliche, die sich bis zur Bewusstlosigkeit betrunken haben, wenn sie wieder ansprechbar sind. Die Zahl der unter 20-Jährigen, die mit Alkoholvergiftungen ins Krankenhaus eingeliefert werden, ist nach Angaben des hessischen Sozialministeriums auch in Hessen gestiegen – von 867 im Jahr 2000 auf 1757 im Jahr 2009.

Das hänge mit einer veränderten Risikobereitschaft zusammen, sagt DN-Mitarbeiterin Barbara Beckmann: „In bestimmten Cliquen ist es heutzutage üblich `vorzuglühen´, bevor man weggeht – und meist wird dabei direkt aus der Flasche getrunken.“ Doch auch Gruppendruck, Langeweile, Probleme mit den Eltern, der Schule und die (unglückliche) „erste Liebe“ spielten eine Rolle, sagt die Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutin und Diplom-Sozialpädagogin. Zwar gehe der Alkoholkonsum unter Jugendlichen insgesamt eher zurück, aber „diejenigen, die trinken, trinken viel“.

Dass sie sich dabei in Lebensgefahr begeben, sei ihnen meist gar nicht bewusst: „Wer sehr schnell sehr viel trinkt, reagiert gar nicht erst mit Übelkeit und Erbrechen, sondern wird schnell bewusstlos – und läuft dann Gefahr, an Erbrochenem zu ersticken oder eine Atemlähmung zu bekommen“, erklärt Beckmann. Auch steigere der Rausch die Unfallgefahr und setze Hemmschwellen herab, was dann oft zu unerwünschten sexuellen Begegnungen führe.

Den exzessiven Alkoholkonsum der Jugendlichen künftig zu reduzieren, ist das Ziel des bundesweiten Suchtpräventionsprojekts „Hart am Limit“ (HaLt), das die DN, die Stadt Kassel und der Landkreis Kassel seit einem Jahr gemeinsam umsetzen. Seit April läuft „HaLt“ auch als landesweites Modellprojekt des Hessischen Sozialministeriums. Dadurch sind auch die Krankenkassen in die Finanzierung mit eingestiegen.

Das Projekt besteht aus zwei Bausteinen, die sich gegenseitig ergänzen und verstärken: den „Brückengespräche“ mit den Jugendlichen und ihren Eltern und intensiver Öffentlichkeitsarbeit, um Lehrer und andere für das Thema zu sensibilisieren. Das bedeutet konkret: Sobald die mit einer Alkoholvergiftung ins Krankenhaus eingelieferten Jugendlichen wieder ansprechbar sind, versucht jemand aus dem BV-Team in so genannten „Brückengesprächen“ auf die Risiken des exzessiven Alkoholkonsums aufmerksam zu machen. Ohne den „erhobenen Zeigefinger“, erklärt Barbara Beckmann: „Es geht nicht ums Verbieten. Wir nehmen den Krankenhausaufenthalt zum Anlass, mit den Jugendlichen ein verändertes Trinkverhalten zu vereinbaren, zum Beispiel nicht mehr aus der Flasche zu trinken, das gibt die Kontrolle über die Menge, die getrunken wird. Oder wir geben den Tipp, zwischendurch genügend nichtalkoholische Flüssigkeit zu trinken.“

Anschließend werden die Jugendlichen zu einem „Risikocheck“ eingeladen, der erlebnispädagogische Elemente wie Klettern oder Tauchen enthält: An einem Wochenende lernen die Jugendlichen durch gemeinsame Aktivitäten und geleitete Gruppenarbeit, sich in kalkulierte Risiken zu begeben und dann Rückschlüsse auf ihr eigenes Risikoverhalten zu ziehen. Gleichzeitig arbeiten die DN-Mitarbeiter beim HaLt-Projekt auch mit den Jugendschutzbeauftragten von Stadt und Kreis Kassel zusammen und versuchen, Festveranstalter, Getränkehändler, Verkaufspersonal dafür zu sensibilisieren, dass Alkohol konsequent nicht an Minderjährige verkauft wird. „Erwachsene haben eine Vorbildfunktion für Jugendliche, deshalb geht es uns auch darum, Erwachsene für ihre eigenen Trinkgewohnheiten zu sensibilisieren und eine Kultur des Hinsehens zu etablieren“, sagt Beckmann.

Rat an die Eltern: Gespräch suchen, Grenzen setzen – und keine „sturmfreie Bude“
Eltern rät Barbara Beckmann, mit ihren Kindern offen über den Alkoholkonsum zu sprechen, aber auch klare Grenzen zu setzen. „Es ist wichtig, Regeln im Umgang mit Alkohol festzusetzen und zu erklären, warum man Wert darauf legt“, so die Sozialpädagogin. Dass Partys zu Hause aus dem Ruder laufen, könne verhindert werden, indem Eltern ihre Kinder nicht allein ließen, dabei gehe es nicht um totale Kontrolle, sondern darum, Präsenz zu zeigen.

Bemerkenswertes Zahlenmaterial aus Kassel
Das BV-Team ermittelte detailliertes und bemerkenswertes Zahlenmaterial. Zum Beispiel wurden fast so viele Mädchen aufgenommen wie Jungen. Außerdem leben viele der Jugendlichen in Geschwisterkonstellationen, woraus das BV-Team die Notwendigkeit ableitet, entsprechende Angebote zu entwickeln. Im Schnitt waren die Jugendlichen 16 Jahre alt und hatten 2,00 bis 2,3 Promille getrunken. Wenn Sie wissen möchten, wie viel das ist: Auf der Homepage des TÜV Süd finden Sie einen Promillerechner. www.tuev-sued.de.