Betreutes Wohnen: Hilfe beim Ausstieg aus der Szene

Drogenhilfe bietet zwei Projekte für unterschiedliche Zielgruppen / Start vor 20 Jahren

Kassel, 14.4.2011. Ein Dach über dem Kopf zu haben und behalten zu können, das ist für akut drogenabhängige Menschen ein wichtiger Schritt, um den Alltag besser bewältigen und irgendwann auch andere Hilfen annehmen zu können. Auch wer den Schritt in ein drogenfreies Leben bereits geschafft hat, wünscht sich oft noch Unterstützung auf dem Weg in ein weitgehend selbstbestimmtes, eigenverantwortliches Leben. Betreutes Wohnen kann in beiden Fällen helfen. So bietet die Drogenhilfe Nordhessen (DN) in zwei Projekten mit unterschiedlichen Ansätzen für beide Zielgruppen insgesamt 49 Plätze in Stadt und Kreis Kassel.

Eine Wohnung, und sei sie noch so klein. Ein Zimmer, eine Unterkunft – für die meisten Menschen ist das ein Grundbedürfnis. Mit 31 Plätzen im „Betreuten Einzelwohnen für akut Drogenabhängige“ (BEW) hilft die DN suchtkranken Menschen, die noch Drogen konsumieren und von der Verelendung bedroht sind. „Da geht es erstmal ums nackte Überleben“, sagt Imo Mackenroth, Mitarbeiter des BEW, das 1993 an den Start ging und über die Wiedereingliederungshilfe für seelisch Behinderte des Landeswohlfahrtsverbandes Hessen (LWV) finanziert wird. „Wir nehmen all diejenigen auf, die sonst überall durch die Maschen fallen würden“, erklärt der Diplom-Sozialarbeiter.

Aufnahmen nach Dringlichkeit, nicht nach Warteliste
Gemeinsam mit Peter Adler, Claudia Roersch und Sophia Sonnenberg kümmert sich der 47-Jährige um die Klienten, die alle noch drogenabhängig sind. Der Kontakt entsteht zu ihnen entsteht meist über das Café Nautilus, den Kontaktladen der Drogenhilfe in der Erzberger Straße 45 in Kassel. Das BEW ist an den „Nautilusverbund“ angegliedert, zu dem auch eine Notschlafstelle und das Arbeitsprojekt „Nau-Job“ gehören. Im Café Nautilus bietet das BEW-Team Sprechstunden an. „Wenn der Klient regelmäßigen Kontakt hält und so sein Interesse bekundet, kann er den nächsten frei werdenden Platz erhalten. Es wird nicht nach Warteliste entschieden, sondern nach Dringlichkeit“, erklärt Mackenroth.

„Die Menschenwürde wieder herstellen“
Meist geht es zunächst darum, eine Wohnung zu beschaffen – oder zu verhindern, dass die Klienten sie verlieren. Dann versucht das BEW-Team die Klienten im Alter von 18 bis 65 Jahren zu Arztbesuchen oder Entgiftungsbehandlungen zu motivieren. Die Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter unterstützen die Klienten dabei, ihre finanziellen Angelegenheiten zu regeln, begleiten sie zu Ämtern, vermitteln sie in Beratungsstellen oder auf Substitutionsplätze. „Gespräche bis hin zu Kriseninterventionen gehören dazu, letztlich geht es darum, die suchtkranken Menschen dabei zu unterstützen, den Alltag zu bewältigen und dann eine Zukunftsperspektive zu entwickeln“, erklärt Mackenroth, „alles, was wir tun, dient dazu, die Menschenwürde zu erhalten oder wieder herzustellen und Klienten eine Struktur zu geben.“ Wichtig sei dabei: „Nicht wir setzen die Ziele, sondern wir überlegen gemeinsam mit den Klienten, was sinnvoll und realistisch zu erreichen ist“. Hilfe zur Selbsthilfe, das sei der Ansatz.

Betreutes Wohnen Linie 1
Um Hilfe zur Selbsthilfe geht es auch beim Projekt „Linie 1 – Betreutes Wohnen in Stadt und Landkreis Kassel“, das die DN vor gut 20 Jahren ins Leben rief. Wer ein drogenfreies Leben führen möchte, sich das aber noch nicht ganz alleine zutraut, der findet bei der „Linie 1“ Unterstützung. „Wir richten uns mit unserem Angebot an volljährige drogenabhängige Frauen und Männer, die ein eigenverantwortliches, suchtmittelfreies und selbstständiges Leben in den eigenen vier Wänden führen wollen“, sagt DN-Mitarbeiterin Birgit Wegener. Die Diplom-Sozialarbeiterin, Diplom Sozialpädagogin und Sozialtherapeutin ist gemeinsam mit ihrer Kollegin Imke Ropel für die derzeit 14 Klienten in der Stadt Kassel und vier Klienten im Kreis Kassel zuständig.

Individuelle Hilfepläne
Sechs Klienten leben in zwei Wohngemeinschaften in der Holländischen Straße (durch die die Straßenbahnlinie 1 führt, daher der Name „Linie 1“), die anderen in selbst angemieteten Wohnungen. Wer einen Platz bekommen möchte, muss zum Zeitpunkt der Aufnahme clean sein. Am Anfang steht eine ausführliche Anamnese: Birgit Wegener und Imke Ropel ermitteln zunächst den konkreten Hilfebedarf eines jeden Klienten. In den gemeinsamen Gesprächen wird jeder dort abgeholt, wo er steht: „Wir schauen ganz individuell, welche Fähigkeiten und Ziele die Klienten haben“, erklärt Birgit Wegener. Anschließend erstellt das Linie 1-Team einen „Integrierten Rehabilitations- und Behandlungsplan“, in dem der Umfang der Betreuung festgelegt wird. Die Zahl der so genannten „Fachleistungsstunden“, die von unterschiedlichen Kostenträgern wie zum Beispiel dem LWV, Jugendämtern oder überörtlichen Sozialhilfeträgern übernommen werden, kann jederzeit angepasst werden.

Steht der Hilfeplan, bieten die Linie 1-Mitarbeiterinnen zum Beispiel Gruppen- und Einzelgespräche: meist pro Woche ein persönliches Gespräch und mehrere Telefonate. Dabei geht es darum, die Klienten zu stabilisieren, zu fördern, in schulische oder berufliche Ausbildung zu bringen und sie bei der Wiedereingliederung in das Berufsleben zu unterstützen. So können die Klienten im DN-Arbeitsprojekt „Zweckbetrieb Arbeit Kassel“ (ZAK), das Arbeit am und im Haus wie Tapezieren, Trockenbau, Bautenschutz aber auch Wohnungsauflösungen oder Entrümpelungen am Markt anbietet und zum Garten- und Landschaftsbauer ausbildet, Erfahrungen sammeln. „Wir zeigen aber auch Möglichkeiten der Freizeitgestaltung auf oder stehen beim Aufbau tragfähiger Beziehungen zur Seite“, erklärt Birgit Wegener.

DN-Geschäftsführerin Angela Waldschmidt zieht eine positive Zwischenbilanz der vergangenen 20 Jahre: „Das Betreute Wohnen unterstützt suchtmittelabhängige Menschen mit unterschiedlichen Hilfebedarfen passgenau. Gut ist, dass viele Klienten in ihrem eigenen Wohnraum betreut werden können. Sie müssen nicht umziehen, wenn die Betreuung beendet ist. Dass sie in ihrem vertrauten räumlichen und sozialen Umfeld bleiben können, erleichtert die Integration und damit die Teilhabe am sozialräumlichen Geschehen.“